Forschungsprogramm

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Der Rechtspopulismus hat viele der europäischen Gesellschaften in seinen Bann genommen, mit zeitlicher Verzögerung auch die Bundesrepublik. Mit ihm verändern sich die politischen Konstellationen und die vielfach medial ausgetragenen Kontroversen etwa über Arbeits-, Familien-, Geschlechter-, Migrationspolitiken. Um den Rechtspopulismus hinreichend gut zu begreifen, ist über diese politischen Themen hinaus ein gesellschaftsbezogener, interdisziplinärer Blick auf ihn notwendig.

Rechtspopulismus und gesellschaftliche Solidaritäten 

In den rechtspopulistischen Strömungen, Bewegungen und Parteien, in ihren Themen und den von ihnen abgegriffenen Überzeugungen und Emotionen drücken sich gesellschaftliche Veränderungen aus, werden diese Veränderungen verarbeitet – und vollzieht sich gesellschaftlicher Wandel. Dies gilt auch für veränderte, nämlich stärker exkludierende Solidaritätsverhältnisse, also Veränderungen in den gesellschaftlichen Formen gemeinsamer und sich wechselseitig unterstützender Interessenverfolgung. Gesellschaftliche Solidaritäten sind für moderne Gesellschaften keineswegs »überflüssig« und keineswegs »trivial«, sondern eine notwendige Grundlage von Wohlfahrtsstaaten und der auf sie bezogenen Sozialpolitiken. So aber ist der Rechtspopulismus nicht nur unmittelbar von sozialpolitischer Relevanz, sofern von dieser Seite aus Sozialpolitik und Sozialstaatskritik betrieben wird. Von Relevanz ist auch, dass sich mit der im Rechtspopulismus ausdrückenden Solidarität die auch aus diesem Stoff »gewobenen« Gesellschaften und damit nicht zuletzt die gesellschaftlichen Grundlagen wohlfahrtsstaatlicher Politik verändern. In diesem Sinne wird in dem Promotionskolleg über die Analyse des Rechtspopulismus die sich ihn ihm ausdrückende, durch ihn aber auch betriebene exkludierende Solidarität untersucht. Wenn auch in den betroffenen Ländern in unterschiedlichem Maße stößt der Rechtspopulismus auf politischen Widerspruch – und dies auch wegen der Exklusivität der von ihm vertretenen Solidarität und der damit verbundenen Ausgrenzungen und Abwertungen. Was der exkludierenden Solidarität in diesem Widerspruch an widerstreitenden und alternativen Solidaritäten entgegengesetzt wird, wird ebenfalls im Rahmen des Kollegs erkundet.

Forschungsannahmen

Mit Bezug auf den Rechtspopulismus liegen dem Promotionskolleg fünf forschungsleitende Annahmen zugrunde:

  1. In der von rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen betriebenen Sozialpolitik und Sozialstaatskritik werden sich verändernde Solidaritätsverhältnisse und -bereitschaften in den jeweiligen Gesellschaften aufgegriffen oder angestoßen und forciert.
  2. Diese Veränderungen weisen in Richtung einer exkludierenden Solidarität. Die sozialstaatlichen Institutionen werden dabei identitätspolitisch geformt oder neu entworfen und von der (Nicht-)Zugehörigkeit zu Nation und ›Kulturgemeinschaft‹ sowie den damit unterstellten Normalitäten in Kultur, Religion und Lebensformen - einschließlich der damit verbundenen Praktiken der Diskriminierung - abgeleitet. Zwar ist Solidarität immer ein exklusives Sozialverhältnis, sofern sie auf einen Kreis von Solidargenossinnen und -genossen beschränkt wird, die gemeinsame Interessenlagen und darauf gründende Solidaritätsbereitschaften teilen. Im Fall des Rechtspopulismus werden die gemeinsamen Interessenlagen aber neu definiert, nämlich identitätspolitisch aufgeladen und moralisch überformt. Damit wird Solidarität in einer Weise exklusiv gehalten, wie es die in Deutschland und anderen EU-Staaten bestehenden sozialstaatlichen Institutionen bislang nicht sind und - wegen ihrer arbeitsgesellschaftlichen und grundrechtlichen Verankerung sowie ihrer Einbindung in die Europäische Union - auch nicht sein können.
  3. Diese sich verändernden Solidaritäten beruhen nicht zuletzt auf dem Wandel sozialstaatlicher Grundlagen, der Prekarisierung der Lohnarbeitsgesellschaft und einer sozialdarwinistischen Interpretation von Wettbewerbsprozessen - und sind zumindest auch Ausdruck eines "Wohlstandschauvinismus", also der Haltung, bestehende Wohlstandspositionen durch Ausgrenzung anderer zu sichern.
  4. In Ergänzung zu den arbeits- und lebensweltlichen Strukturveränderungen vollzieht sich der Wandel gesellschaftlicher Solidaritäten auch über die Prozesse der öffentlichen Kommunikation. In den rechtspopulistischen Strömungen, Bewegungen und Parteien ist man bestrebt, nicht nur ihre politischen Programme, sondern auch die von ihnen präferierten Solidaritätsnormen über die mediale Berichterstattung sowie über die Nutzung neuer Medien in die öffentliche Diskussion zu bringen und gesellschaftlichen Widerhall zu finden. Zugleich reagiert man auf medial erzeugte Bilder exkludierender Solidarität, greift diese Bilder auf und sucht die damit erzeugten Solidaritätsverhältnisse politisch zu vertreten.
  5. Der politische Widerspruch zum Rechtspopulismus entzündet sich auch an der dort vertretenen exkludierenden Solidarität. Entsprechende Kritik begründet sich nicht nur in eingespielten Solidaritäten, wie sie der bundesdeutsche Sozialstaat voraussetzt. Im Widerspruch zum Rechtspopulismus drücken sich auch neue Formen von Solidarität aus, die den sozialstrukturellen Veränderungen, etwa in den Geschlechterbeziehungen und -konstruktionen oder in den Familienverhältnissen sowie den Herausforderungen der Migration besser entsprechen und sich gerade deswegen den identitätspolitischen Beschränkungen des Rechtspopulismus widersetzen.

In dem Promotionskolleg soll erstens – teilweise auch im internationalen Vergleich – untersucht werden, welche Formen der Solidarität im Rechtspopulismus programmatisch wie politisch adressiert werden und ob, in welchem Maße und mit welchen Wirkungen sie – befördert durch mediale Berichterstattung und mittels Mediengebrauch im Rechtspopulismus – gesellschaftlichen Widerhall finden. Hierbei soll auch geprüft werden, inwiefern die Zustimmung zum Rechtspopulismus ›wegen‹ oder ›trotz‹ der sich darin ausdrückenden exkludierenden Solidarität erfolgt. Integrations-, gender- und familien- sowie europapolitische Fragen verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit.

Zweitens soll für die besondere Situation der Bundesrepublik untersucht werden, wie die Ursachen und Effekte der sich im Rechtspopulismus ausdrückenden exkludierenden Solidarität mit der Entwicklung des bundesdeutschen Wohlfahrtsstaats verbunden sind. Es soll untersucht werden, in welchem Maße die exkludierende Solidarität des Rechtspopulismus auf der Funktionsweise des Wohlfahrtstaates aufsattelt, ihr entgegensteht und/oder sie transformiert. Ermittelt werden soll außerdem, ob und wie im Rechtspopulismus die exkludierende Solidarität programmatisch auf die Sozialpolitiken der jüngeren Vergangenheit bezogen wird und in welchem Sinn und welchem Maße die Sozialreformen der jüngeren Vergangenheit (»aktivierender Sozialstaat«) Einfluss auf die exkludierende Solidarität hatten.

Drittens sollen Ansatzpunkte dafür identifiziert werden, wie – vor allem in der Kritik am und im politischen Widerspruch zum Rechtspopulismus – die dort vertretenen Begrenzungen der gesellschaftlich verfügbaren Solidaritätsbereitschaften hinterfragt und aufgebrochen werden sowie mit offeneren Solidaritäten beantwortet werden.

Über die drei thematischen Schwerpunkte hinweg zielt das Promotionskolleg darauf, durch die Analyse veränderter gesellschaftlicher Solidaritäten und Solidaritätsbereitschaften und deren Ursachen und Motivlagen mögliche Wirkungen auf sozialstaatliche Institutionen zu antizipieren, aber auch Gegenbewegungen zu identifizieren und deren politischen Potentiale auszuweisen. Die im Rahmen des Kollegs erbrachten Untersuchungen sollen Sozialpolitik betreibenden Menschen und Organisationen erlauben, sich auf veränderte Resonanzen und entsprechende sozialpolitische Diskurse einzustellen, Gegenstrategien zur exkludierenden Solidarität und damit auch zu den rechtspopulistischen Strömungen, Bewegungen und Parteien zu erarbeiten. Das übergeordnete Interesse des Promotionskollegs richtet sich demnach darauf, Veränderungen in den gesellschaftlichen Grundlagen staatlicher Sozialpolitik zu erforschen. Damit hat es insgesamt einen seismografischen Charakter, d.h. es untersucht veränderte Solidaritäten, bevor sich diese Veränderungen als Gefahren für eine gesellschaftlich akzeptable Form von Sozialstaatlichkeit im europäischen Kontext verdichten und verstetigen.

In dem Kolleg werden acht Promovierende und die Koordinatorin/der Koordinator zu unterschiedlichen, aufeinander bezogenen und zumindest insofern interdisziplinären Forschungsprojekten arbeiten. Das Kolleg ist in fünf thematischen Schwerpunkten untergliedert, zu denen die Promovierenden und die Koordinatorin/der Koordinator des Kollegs fokussiert forschen werden:

 1. Rechtspopulistische Sozialpolitik und Sozialstaatskritik

In empirischen Untersuchungen werden die Sozialpolitik und Sozialstaatskritik des deutschen und europäischen Rechtspopulismus und dessen Solidaritätsvorstellungen erhoben. Der europäische Vergleich ist von Bedeutung, da z.B. in Frankreich, Österreich und den Niederlanden der Rechtspopulismus öffentlich bereits seit längerem wirkungsmächtig, mithin etablierter und die sozialpolitische Profilierung weiter vorangeschritten ist. In einigen Ländern stehen oder standen rechtspopulistische Parteien sogar in Regierungsverantwortung (Finnland, Polen oder Ungarn, Österreich, Dänemark). Nach dem überraschenden Wahlsieg von Donald Trump liegt es nahe, sich auch mit der rechtspopulistischen Sozialpolitik und den diese anleitenden Mustern exkludierender Solidarität in den USA zu befassen. Lassen sich im Ländervergleich übergreifende und/oder national besondere Schwerpunkte der rechtspopulistischen Sozialpolitik identifizieren? Korrespondieren mit den sozialpolitischen Schwerpunkten und Strategien spezifische Muster der exkludierenden Solidarität? Inwiefern unterscheiden bzw. ähneln sich die sozialpolitischen Kontexte in den Ländern und die jeweiligen Bezugnahmen aus dem Rechtspopulismus darauf? Und welche Faktoren lassen sich für die Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede verantwortlich machen?

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Eine innerdeutsche Vergleichsstudie sollte unterschiedliche Fraktionen der sozialpolitischen Debatte im deutschen Rechtspopulismus und regionalspezifische Akzente erheben. Wird dabei nach West- und Ostdeutschland spezifiziert, wird der unterschiedlichen Vertrautheit mit dem bundesdeutschen Sozialstaat und dessen Solidaritätszumutungen Rechnung getragen. Doch ist dem wirklich so, dass sich unterschiedliche regionale Vorstellungen von in- oder exkludierender Solidarität und Sozialpolitik herauskristallisieren? Inwiefern sind die jeweils vorherrschenden Vorstellungen historisch-kulturell und/oder durch andere sozialstrukturelle Faktoren geprägt? Werden die sozialpolitischen Reformen der jüngeren Vergangenheit (»aktivierender Sozialstaat«) aufgegriffen – und dies in Ost- und Westdeutschland in jeweils besonderer Weise?

Konzeptionell handelt es sich jeweils um vergleichende Einzelfallstudien, die explorativ angelegt sind. Methodisch sollen durch Material- und Textanalysen nicht nur die Programmatik, sondern darüber hinaus auch – etwa in Gruppen- und Experteninterviews – die Motivlagen bei den Menschen untersucht werden, bei denen der Rechtspopulismus Akzeptanz sucht bzw. findet. Diese Vorgehensweise ist auch deshalb angebracht, um Inkonsistenzen innerhalb der formulierten Sozialpolitiken, deren Spannungen zu den Lebens- und Interessenlagen, aber auch politische Akzeptanz- und Legitimationsdefizite sowie Reaktionen auf politische Widersprüche erfassen zu können.

Mögliche Themen für Promotionsarbeiten

  • Rechtspopulistische Solidaritätsnormen und Sozialpolitiken in liberalen, sozialdemokratischen und konservativen Wohlfahrtsstaaten (z.B. Großbritannien, Schweden und Österreich)
  • Rechtspopulisten an der Macht: Sozialpolitik und exkludierende Solidarität in Polen und Ungarn
  • Der rechtspopulistische ›Whitelash‹ in den USA und dessen Auswirkungen auf den residualen ›Welfare state‹
  • Die AfD und die »soziale Frage« – regionale und intersektionale (Klasse, Geschlecht, Ethnie) Konfliktlinien bei der Umgestaltung einer nationalen Solidargemeinschaft

2. Zeitgeschichte rechtspopulistischer und rechtsextremer Sozialpolitik

Seit seiner Herausbildung und damit seit den Bismarckschen Sozialreformen wurde der Wohlfahrtsstaat in Deutschland durch rechtspopulistische bis rechtsextreme Kritik begleitet und mit Konzepten konfrontiert, die Ansprüche nicht auf Grundlage des Staatsbürgerstatus gewähren wollen. Während die Geschichte der (bundesdeutschen) Rechten v.a. als Organisationsgeschichte erzählt wird, rückt der historische Arbeitsschwerpunkt des Promotionskollegs das Politikfeld Sozialpolitik in den Mittelpunkt. Eine historisch informierte Analyse fragt nach den ›Korrespondenzen‹ zwischen der etablierten Sozialpolitik und rechten sozialpolitischen Konzepten, die sich im Zeitverlauf beobachten lassen; nach dem instrumentellen Charakter rechter Sozialpolitik; oder etwa auch nach Besonderheiten der DDR-Sozialpolitik, die mögliche Pfadabhängigkeiten rechtspopulistischer Haltungen und Organisierungsbemühungen in Ostdeutschland prägen.

Von der Forschung werden die Konstitutionsphase des Wohlfahrtsstaats (1870/71–1914), die – vom Nationalsozialismus beeinträchtigte – Phase der Konsolidierung (1914–1945), die Rekonstruktions- und Ausbauphase (1945–1974/75) sowie die Um- bzw. Abbauphase (1975/76 bis heute) unterschieden. Aufmerksamkeit ziehen insbesondere der Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit auf sich: Einerseits gibt es die Einschätzung, der NS habe »sozialpolitisches Desinteresse« an den Tag gelegt. Andererseits ist zu fragen, inwiefern die exkludierende Solidarität des heutigen Rechtspopulismus in der ›Volksgemeinschaft‹ und der ihr eigenen Ambivalenz von Teilhabe und Ausgrenzung historisch vorgebildet ist. Können etwa sozialpolitische Leistungsdefizite durch die quasi-postmaterialistische Gewährung von Sozialprestige oder durch Appelle an die Opferbereitschaft kompensiert werden? Bezüglich der Nachkriegsphase wurde gesagt, die damals bestehenden Solidaritäten seien trügerisch gewesen, weil sie sich im ›Wirtschaftswunder‹ nicht wirklich bewähren mussten, und insofern sei die Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis als ›Volksgemeinschaft‹ von einer »narzisstischen Plombe« niedergehalten worden. Trägt diese Interpretation und was besagt sie über den Zusammenhang von ökonomischen Krisen und rechtspopulistischen Mobilisierungswellen? Im Sinne dieser und ähnlicher Fragen sollen die gegenwärtige rechtspopulistische Sozialpolitik und Sozialstaatskritik und ihre Solidaritätsbezüge zeitgeschichtlich eingeordnet und auf durchgängige oder variable Solidaritätsorientierungen bezogen werden.

Mögliche Themen für Promotionsarbeiten

  • Phasen rechtspopulistischer und rechtsextremer Sozialpolitiken In Deutschland im Vergleich: Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Bundesrepublik vor und nach der staatlichen Einigung
  • Gesellschaftliche Solidarität in Phasen politisch manifester Zuwanderung
  • Verbindung und Dynamik radikal-leistungsbezogener und völkischer Elemente in der rechten Sozialstaatskritik
  • Historisch und politisch (in)variante Solidaritätsgrenzen (etwa Missbrauchsvorwürfe an ›Asoziale‹ und ›Unproduktive‹ in der Weimarer Sozialdemokratie, im NS, in der DDR, im Rechtspopulismus)

3. Normative Argumentationsmuster rechtspopulistischer Sozialpolitik

Solidaritäten basieren auf gleichen oder ähnlichen Interessenlagen, die allerdings diskursiv erzeugt werden müssen, u.a. auch durch normative Überzeugungen und Einstellungen begründet sind und nach innen wie nach außen gerechtfertigt werden. Durch Auswertung entsprechender Literatur von Vordenkern oder ›konzeptiven Intellektuellen‹ des Rechtspopulismus (z.B. Carl Schmitt, Martin Heidegger, Julius Evola, Alain de Benoist, Pierre Krebs, Alexander Dugin etc.), von den rechtspopulistischen Bewegungen nahestehenden Think Tanks oder Zeitschriften, aber auch durch qualitative Untersuchungen rechtspopulistischer Sozialpolitik und der sie betreibenden Menschen sollen entsprechende Überzeugungen und Einstellungen sowie deren Rechtfertigungen erhoben werden

In diesem thematischen Schwerpunkt bieten sich einerseits Studien zur transnationalen Inspiration und Vernetzung, andererseits aber auch international vergleichende Analysen rechtspopulistischer sozialpolitischer Diskurse (z.B. Deutschland, Frankreich, Niederlande, Polen, USA) an. Zu untersuchen wäre in diesem Kontext u.a., ob und in welcher Form es eine ausdrückliche ›Abwehr des Islams‹ und gleichzeitig positive Bezugnahme auf das ›Christliche Abendland‹ gibt und wie diese jeweils begründet und gerechtfertigt werden? Sind mit den Begründungen starke oder mittelbare sozialpolitische Konzeptionen verknüpft, und wie stellt sich die Vermittlung konkret dar? Wie reagieren die Kirchen und christlichen Glaubensgemeinschaften auf die Instrumentalisierung des Christentums und der christlichen Religiosität?

Auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus soll berücksichtigt werden: Welche strategische, vor allem aber welche konzeptionelle Rolle spielen Solidaritätskonzepte in der politischen Opposition zum Rechtspopulismus und wie und mit welchen theoretischen Bezügen wird Solidarität konzeptionell gefasst, mit welchen gesellschaftlichen Referenzen und mit welchen sozialpolitischen Anliegen wird sie behauptet?

Mögliche Themen für Promotionsarbeiten

  • Solidaritätsdiskurse und sozialpolitische Konzepte der Vordenker des Rechtspopulismus
  • Transnationale Vernetzung rechtspopulistischer Solidaritätsdiskurse: Grenzüberschreitende Aktivitäten von Parteien, Think Tanks und Bewegungen
  • Wider die Vereinnahmung des christlichen Abendlandes – Solidaritätsdiskurse der christlichen Rechten und die Reaktion der christlichen Kirchen (im Ländervergleich)
  • Solidaritätsdiskurse im politischen Widerspruch zum Rechtspopulismus

4. Exkludierende Solidarität in medialen Öffentlichkeiten

Der Rechtspopulismus ist auch ein Produkt seiner medialen Wahrnehmung – zumindest in dem Sinne, dass die rechtspopulistischen Strömungen, Bewegungen und Parteien erst durch die Berichterstattung sowie ihre Präsenz und Netzwerke in den Sozialen Medien zu einem relevanten Tatbestand bundesdeutscher Politik wurden. Gewünscht sind Dissertationen, die die mediale Wahrnehmung der dem Rechtspopulismus zugrundeliegenden exkludierenden Solidarität bzw. deren Selbstdarstellung in den Sozialen Medien untersuchen. Wie komparative Studien zur unterschiedlichen Darstellung rechtspopulistischer Politiken in Qualitätspresse einerseits und Boulevardblättern andererseits zeigen, sind weiterführende Untersuchungen zur medialen Repräsentation rechtspopulistischer Sozialpolitiken und Solidaritätsentwürfe und deren Anschlussfähigkeit in unterschiedlichen Teilöffentlichkeiten (analog/digital, u.a. durch unterschiedliche ressourcenbedingte und technische Regulierungen des Zugangs gekennzeichnet) vielversprechend. Auch rechtspopulistisch forcierten und medial getragenen Themenkonjunkturen und deren Kohäsionskraft (etwa des Antifeminismus/ ›Antigenderismus‹) wäre nachzugehen. Mittels Netzwerkanalysen könnte der Frage nachgegangen werden, welchen rechtspopulistischen Akteuren öffentliche Aufmerksamkeit in Mainstreammedien gewährt oder in besonderem Maße offeriert wird und welche Netzwerke und Publikationsorte genutzt werden, um rechtspopulistischen Deutungen exkludierender Solidarität zu mehr Verbreitung und Unterstützung zu verhelfen. Folgt man zudem der These von dem Zusammenhang von zunehmender Politikverdrossenheit, Forderungen nach direkter Demokratie mittels Web 2.0 und der Beförderung des »Antipolitischen« (de Saint Victor), dann sind Studien zur digitalen Kommunikation rechtspopulistischer AkteurInnen besonders dringlich.

Gemäß vorliegender Studien korrelieren rechtspopulistische Wahlerfolge mit dem Ausmaß der medialen Präsenz »populistischer Rhetorik« und »persuasiver Autorität« von rechtspopulistischen Führungspersonen. Daher sind Fragen nach dem Zusammenspiel journalistischer Selektionskriterien und kommunikativer als auch performativer Strategien rechtspopulistischer Strömungen, Bewegungen und Parteien von Bedeutung. Außerdem wird immer wieder konstatiert, dass Frauen auffällig häufig erfolgreich an der Spitze rechtspopulistischer Parteien stehen. Entsprechend ist zu fragen: In welcher Weise wird deren Mediengebrauch und die mediale Repräsentation u.a. ihrer familien- und geschlechterpolitischen Entwürfe in verschiedenen Teilöffentlichkeiten kommuniziert? Wird Sozialpolitik hierbei als Aufgabe von Frauen in der Privatsphäre rekonzeptualisiert? Schließlich ist – angesichts der immer wieder vorgetragenen Hoffnung auf eine neu strukturierte Öffentlichkeit – zu fragen, ob sich neue Orte und Formen der Auseinandersetzung für widerstreitende Vorstellungen über Sozialpolitik und Solidarität in digitalen Öffentlichkeiten finden lassen. Wie diese strukturiert sind und auf welche Weise demokratische Sozialpolitiken und Vorstellungen inkludierender Solidarität zu befördern sind, könnte ein weiterer Gegenstand eines Promotionsvorhabens sein.

Mögliche Themen für Promotionsarbeiten

  • Rechtspopulismus, Medien und Journalismus: Interaktionsformen, Netzwerke, Dynamiken
  • Rechtspopulistische Solidaritätsdiskurse und ihr Framing in verschiedenen medialen (Teil)Öffentlichkeiten (Qualitätspresse, Boulevardmedien, Blogs und Foren, aber auch Dokumentarfilme, Filme)
  • Inkludierende Solidaritätsentwürfe jenseits rechtspopulistischer Sozialpolitik: Widerstreitende Diskurse in (alternativen) Öffentlichkeiten
  • Frauen als mediale Gallionsfiguren des Rechtspopulismus: Komparative Analysen

5. Solidaritätsabhängigkeit staatlicher Sozialpolitik

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 Staatliche Sozialpolitik und damit auch die sozialstaatlich vorausgesetzten und zugleich in Anspruch genommenen Solidaritäten sind systemisch notwendig exklusiv. Im Sinne einer historischen Soziologie soll rekonstruiert werden, dass und wie die Zugehörigkeit zu diesen Solidaritäten ›ausgehandelt‹ wird. In den europäischen Gesellschaften stützt sich die Aushandlung – nicht nur im Bereich der Tarif-, sondern auch der Sozialpolitik – häufig auf korporatistische Arrangements (definiert als eine dauerhafte und geregelte Einbeziehung gesellschaftlicher Interessengruppen in politische Entscheidungen), die sich institutionell und prozedural zum Teil allerdings erheblich unterscheiden und im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte mitunter stark gewandelt haben. Entsprechend ist von Interesse, ob, in welchem Maße und für welche Gruppen korporatistische Arrangements darauf hinwirken, Interessenunterschiede zumindest zeitweise zu überwinden und kollektive Identitäten von ›Solidargenossen‹ zu erzeugen? Ebenso interessiert die Frage, über welche politischen Prozesse Ausschließungen in Ordnung gesetzt, sozialstaatlich durchgesetzt und gesellschaftlich ›ausgehalten‹ werden?

Die Beantwortung derartiger Fragen ist angesichts der rechtspopulistischen Affinität von Gewerkschaftsmitgliedern wie auch von Mitgliedern anderer Interessengruppen, die an sozialpolitischen Übereinkünften beteiligt sind, sehr bedeutsam. Sie trägt nicht nur dazu bei, die Besonderheiten der im Rechtspopulismus vertretenen exkludierenden Solidarität genauer zu fassen, sondern auch deren Wirkkräfte auf sozialpolitische Diskurse und sozialstaatliche Institutionen zu bestimmen. Dazu müssen auch der politische Widerstand und die Oppositionen zum Rechtspopulismus berücksichtigt werden – und zwar nicht nur mit der darin vertretenen Kritik an exkludierender Solidarität, sondern auch mit den darin projektierten und womöglich bereits realisierten Alternativen dazu.

Mögliche Themen für Promotionsarbeiten

  • Jenseits des Universalismus? Die Erosion der Solidaritätsbezüge in beitrags- und steuerfinanzierten Wohlfahrtsstaaten
  • Sie repräsentieren uns nicht oder doch? Solidaritätsmuster in korporatistischen Arrangements
  • Gewerkschaften und Interessenverbände – Vehikel oder Horte des Widerstand gegen Prozesse der exkludierenden Solidarisierung
  • Dialektik der (sozialpolitischen) Entsolidarisierung – progressiver Antipopulismus und die Generierung neuer inkludierender Solidaritäten