Kommentar zum Vortrag "Die ewige Mitte und das Gespenst der Abstiegsgesellschaft"

Am 7. Februar 2019 fand in der Alten Aula der Eberhard Karls Universität Tübingen die Eröffnungsveranstaltung des Promotionskollegs Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität statt. Zu den beiden Vorträgen gab es jeweils kurze Kommentare von Promovierenden. Hier dokumentieren wir Philipp Rheins Kommentar zu Stephan Lessenichs Vortrag “Die ewige Mitte und das Gespenst der Abstiegsgesellschaft”.

Kurzzusammenfassung des Vortrags von Stephan Lessenich

Stephan Lessenichs Beitrag zur Eröffnungsveranstaltung des Promotionskollegs „Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität“ setzte sich kritisch mit dem Begriff der gesellschaftlichen „Mitte“ auseinander. In seinem Vortrag „Die ewige Mitte und das Gespenst der Abstiegsgesellschaft“ vertrat er die These, dass die Kategorie der gesellschaftlichen „Mitte“ – als „gefährdete“, „gebeutelte“, „schrumpfende“ etc. „Mitte“ – neue Bedeutung erlangt und dass die Konjunktur der „Mitte“ für die Erklärung des Phänomens „Rechtspopulismus“ von zentraler Bedeutung sei. Dabei sei der Begriff der „Mitte“ höchst unscharf. „Mitte“ lasse sich auf vielfältige Weise als sozialstatistische Größe konstruieren. Wichtiger aber sei, dass sie als zentrale Selbstbeschreibungskategorie spätkapitalistischer Gesellschaftsordnung (Lessenich erinnerte an Schelskys „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“) eine zentrale Rolle einnehme. Als Chiffre und Rollenmodell gelungener Lebensführung sei die „Mitte“ nicht nur eine Kategorie des sozialen Ausgleichs, politischer Inklusion und kultureller Integration – „im Sinne des Bildes vom Klassenlagen und -interessen überspannenden bzw. einebnenden ‚Wohlstand für alle‘“, wie Lessenich sagt – gewesen, sondern (sie) fungiere zugleich als Leitkategorie sozialer und politischer Ausgrenzung und kultureller Schließung. Sobald der Traum immerwährender Prosperität in Gefahr gerate, tauche das Gespenst einer „Abstiegsgesellschaft“ auf. Hier schlug Lessenich den Bogen zum „Rechtspopulismus“: „Der neue ‚Rechtspopulismus‘ erschöpft sich jedenfalls nicht nur im ‚Aufbegehren der Abgehängten‘, sondern ist auch ein ‚Aufstand der Etablierten‘ (Koppetsch) – der Kampf um die Fortschreibung erworbener sozioökonomischer Vorrechte und um die Bewahrung kultureller Hegemonie.“

Stephan Lessenich hat Zweifel an der Rede von der “Mitte”.

Stephan Lessenich hat Zweifel an der Rede von der “Mitte”.

Ein Kommentar von Philipp Rhein

Lieber Stephan,

vielen Dank für dein Kommen und deinen instruktiven und spannenden Vortrag heute Abend.

„Das Gespenst der Abstiegsgesellschaft“heißt es in deinem Titel – und irgendwie hängt das Gespenstische des Abstiegs auch mit der „Mitte“ zusammen, wie du uns in deinem Vortag ja wunderbar deutlich gemacht hast.

Nimmt man es beim Wort, dann verweist das Gespenstische nicht nur auf etwas Lockendes, wie du angezeigt hast, sondern stets auch auf etwas Vergangenes, eine Vergangenheit, die einfach nicht zur Ruhe kommen kann. Solche Gespenster suchen nicht nur Einzelne heim, sondern auch Kollektive, Gruppen, Gesellschaften… In dem Sinne kann man auch vom „Gespenst der Mitte“ sprechen – es sucht (uns) heim, weil die Gewährleistung immerwährenden Aufstiegs erschüttert ist.

Gespenster – wie die „Mitte“ oder die „Abstiegsgesellschaft“ – sind, so könnte man sagen, Selbstbeschreibungen der Gesellschaft, die die Gesellschaft heimsuchen.

Diagnosen wie „Abstiegsgesellschaft“ (Nachtwey), „Gesellschaft der Angst“ (Bude), aber auch „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz) oder „Externalisierungsgesellschaft“ (Lessenich) sind solche Selbstbeschreibungen der Gesellschaft.

Philipp Rhein kommentiert den Vortrag von Stephan Lessenich.

Philipp Rhein kommentiert den Vortrag von Stephan Lessenich.

Allerdings gibt es dabei einen entscheidenden Unterschied: Ist die Rede von Angst und Abstieg, scheint das Publikum vorher schon zu wissen, um was es geht. Etwaige Buchtitel suggerieren dann häufig etwas, was man ahnte, was man plausibel findet – der Titel bestätigt vorhandenen Annahmen darüber, wie es ist und wie es um die Gesellschaft steht. 

In der soziologischen Sprache nennt man das „Theorie-Effekt“. Und du hast richtigerweise die performative Rolle der Sozialwissenschaften und Feuilletons erwähnt. Mit Theorie-Effekt ist gemeint, dass Theorien und Begriffe einen Effekt erzielen im Hinblick auf die soziale Wirklichkeit, die sie behandeln – dass sie nämlich vor den Augen und im Namen aller einen Konsens über den Sinn der sozialen Welt erzwingen.

Mit den Effekten der gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen wie „Abstieg“ und „Mitte“ verhält es sich nun ebenso: Sie erzeugen eine Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit. Das geschieht deshalb, weil gesellschaftliche Selbstbeschreibungen nicht nur und nicht exklusiv von der Soziologie oder den Sozialwissenschaften produziert werden – sie entstehen auch in gesellschaftlichen Feldern wie den Medien, der Wirtschaft und natürlich auch der Politik. Sie werden einer Gesellschaft nicht von außen aufgesetzt, sondern sie entstehen in ihr – und sie verdoppeln sich gewissermaßen –, sie treten in Erscheinung als kommunikativ und daher sinnhafte Beschreibungen der Welt und als Wahrnehmungsformen, die auf diese Welt angewandt werden. 

Es sagt also etwas über unsere Gesellschaft aus, wenn wir selbst von ihr sagen, dass sie eine Gesellschaft der „gefährdeten“, der „enthemmten“, der „ängstigen“, der „absteigenden Mitte“ sei. 

Mir scheint die entscheidende Frage zu sein, warum diese Beschreibungen so plausibel daherkommen – so plausibel, dass die Bezeichnung selbst außer Frage steht.

Eine Antwort lautet sicherlich: Die Plausibilität und die Anschlussfähigkeit rühren daher, dass sich mit „Mitte“, „Angst“ und „Abstieg“ Politik machen lässt. Das sind – unter der Maßgabe politischer Angebotserstellung – schöne, lösungsorientierte und Orientierung gebende Begriffe. Externalisierung beispielsweise ist das nicht – und das ist gut so. 

Und hier wären wir dann schon direkt bei einem weiteren Gespenst angelangt, das uns hier im Kolleg rumtreiben wird: das Gespenst des „Populismus“. Wenn man von „Populismus“ spricht, dann meint man damit viele verschiedene Phänomene – häufig aber eine Form oder einen Stil der politischen Angebotserstellung, die ein Interesse an schönen und lösungsorientierten und zustimmungsfähigen Selbstbeschreibungen hat. Die mitunter politisch miterzeugte Selbsterzählung einer „Mitte-Gesellschaft“ erheischt dann die Zustimmung für Abgrenzung, Ausgrenzung und Schließung. 

Populismus und gesellschaftliche Selbstbeschreibungen stehen also in einem engen Zusammenhang. Doch darüber gilt es in den nächsten zwei, drei Jahren hier intensiver nachzudenken. Nur auf eine Sache sollte man bereits vorab Acht geben: Die sozialwissenschaftlichen Diagnosen sollten nicht nur ihre Theorieeffekte berücksichtigen – sie sollten nicht schlechthin annehmen, dass ihre Strukturdiagnosen und Begriffe auch in den Köpfen der Menschen stattfinden. Was Menschen aus welchen Gründen tun, gilt es noch immer verstehend zu beschreiben. 

Für jetzt will ich den Vortragenden nochmals danken und freue mich auf eine lebendige Diskussion.